Produkt · 30. August 2026

Amazon stellt AWS Mechanical Turk, Ground Truth und A2I ein

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Hannah Busing / Unsplash

Amazon hat bekannt gegeben, dass es die Dienste AWS Mechanical Turk, SageMaker Ground Truth und Amazon Augmented AI (A2I) zum 30. September 2026 einstellt. Der Konzern begründet diesen Schritt mit einer strategischen Neuausrichtung seiner Infrastruktur für manuelle Datenannotation.

Der Empfang neuer Aufträge über Mechanical Turk wurde bereits am 30. Juli 2026 gestoppt. Ab dem genannten Stichtag können keine neuen Aufgaben mehr angenommen werden, und nicht abgeschlossene Aufträge verfallen. Bis zum 30. Oktober 2026 bleibt Zeit, bereits eingereichte Aufgaben zu bewerten und ausstehende Zahlungen sowie Boni abzuschließen. Der Zugriff auf die Transaktionshistorie wird am 28. Januar 2027 endgültig deaktiviert, was für Nutzer mit Audit- oder Berichtsanforderungen relevant ist.

Der Rückzug Amazons aus dem Bereich der manuellen Datenannotation folgt auf zwei zentrale Entwicklungen. Einerseits haben KI-Modelle die ursprünglich von Mechanical Turk abgedeckten Aufgaben wie Bildklassifizierung, Transkription oder Moderation mittlerweile effizienter und kostengünstiger gelöst. Andererseits nutzten bereits im Juni 2023 etwa 33 bis 46 Prozent der Crowdworker auf der Plattform Sprachmodelle für ihre Aufgaben, wie eine Studie von Veselovsky et al. zeigte. Dies untergrub das Geschäftsmodell, da Kunden für menschliche Annotation zahlten, aber letztlich Ergebnisse von KI-Modellen erhielten.

Mechanical Turk spielte eine Schlüsselrolle in der Entwicklung moderner KI-Datensätze. So wurde etwa der ImageNet-Datensatz, der den Beginn des modernen maschinellen Sehens markiert, maßgeblich durch Crowdworker auf Mechanical Turk annotiert. Auch in der psychologischen und verhaltenswissenschaftlichen Forschung galt die Plattform über anderthalb Jahrzehnte als Standardinstrument für kostengünstige Datenerhebung. Ihr Einfluss auf die Anzahl veröffentlichter Studien ist damit kaum zu überschätzen.

Die Nische, die Mechanical Turk einst besetzte – einfache Annotation zu Stundenlöhnen zwischen einem und zwölf US-Dollar – ist durch Automatisierung weitgehend verschwunden. Der verbleibende Bedarf an menschlicher Arbeit hat sich jedoch in Richtung höherer Qualifikationen und Bezahlung verschoben. Aktuell bewegen sich die Preise für spezialisierte Annotatoren zwischen 20 und 85 US-Dollar pro Stunde, während Experten mit Doktortitel bis zu 200 US-Dollar erhalten. Anbieter wie Scale AI, Prolific, CloudResearch und Mercor bedienen diesen Markt, wobei Mercor im Herbst 2025 eine Series-C-Finanzierung über 350 Millionen US-Dollar bei einer Bewertung von 10 Milliarden US-Dollar abschloss. Gerüchte über einen neuen Finanzierungszyklus bei einer Bewertung von etwa 20 Milliarden US-Dollar im Juli 2026 wurden jedoch nicht offiziell bestätigt.

Für Nutzer von SageMaker Ground Truth und Amazon Augmented AI (A2I) bedeutet die Einstellung der Dienste Handlungsbedarf. Bis Ende September 2026 müssen Alternativen gefunden werden. Mögliche Lösungen umfassen die Migration auf spezialisierte Plattformen, den Aufbau eigener Annotation-Pipelines mit Open-Source-Tools wie Label Studio oder CVAT oder den Ersatz einfacher Annotation durch KI-gestützte Verfahren mit menschlicher Überprüfung. Besonders A2I, das als „Human-in-the-Loop“-Schicht für unsichere Vorhersagen diente, erfordert einen manuellen Aufbau eines vergleichbaren Workflows.

Der Rückzug Amazons aus Mechanical Turk markiert einen Wendepunkt: Der Anteil menschlicher Arbeit in KI-Pipelines nimmt nicht ab, sondern verschiebt sich hin zu komplexeren, hochwertigen Aufgaben. Während einfache Annotation heute kostengünstig automatisiert werden kann, bleiben menschliche Expertise und Bewertung für anspruchsvolle Anwendungen wie die Qualitätskontrolle von Agentenentscheidungen oder die Datenerhebung für Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF) unverzichtbar – und entsprechend teuer.

Laut Amazon spiegelt die Einstellung der Dienste die veränderte Marktlage wider, in der KI-Modelle menschliche Fähigkeiten zunehmend übertreffen. Der einst von Jeff Bezos als „künstliche künstliche Intelligenz“ bezeichnete Mechanical Turk hat damit nach 21 Jahren sein ursprüngliches Geschäftsmodell verloren.

Die Meldung stammt von Habr News.